(Von Melanie & Holger Vogel, August 2021) Als Unternehmer, ausgebildete Innovation-Coaches und Zukunftsinteressierte, ist die Corona-Krise für uns ein beinahe lehrbuchhaftes Beispiel für eine Disruption – vergleichbar wie die Erfindung des Computers oder die Entwicklung des Autos.

Während vor allem das Auto Jahrzehnte brauchte, um einen globalen Wandel in der Mobilität herbeizuführen, gelang es dem Corona-Virus in wenigen Wochen. Während der Computer Jahre brauchte, bis er flächendeckend in Büros zum Einsatz kam, brauchte es zur flächendeckenden Umsetzung des Homeoffices letztlich nur wenige Tage.

Solche „userzentrierten“ Verhaltensänderungen, die durch einen äußeren Wandel herbeigerufen und über Wochen und Monate geübt und verinnerlicht werden, kommen, um zu bleiben. Das zeigt zumindest die Innovationsgeschichte.

Und tatsächlich ist es schwer vorstellbar, dass Menschen, die sich über Monate im Homeoffice eingerichtet haben und sich dort wohlfühlen, mit Leichtigkeit wieder zurück an den unternehmenseigenen Schreibtisch beordert werden können. Es ist schwer vorstellbar, dass die Vorzüge von Videokonferenzen und Online-Meetings wieder langen und kostspieligen „Vor-Ort-Meetings“ weichen werden. Wahrscheinlicher ist, dass die Arbeitswelt in allen denkbaren Bereichen in den kommenden Wochen und Monaten zutiefst hybrid werden wird.

Das mag auch für Fach- und Karrieremessen gelten, doch insbesondere hier sehen wir tiefgreifende Veränderungen, die unter Umständen sogar eine vollständige Digitalisierung zur Folge haben könnten. Und dafür sprechen zumindest diese Entwicklungen, die sich seit Monaten abzeichnen und immer weiter manifestieren:

Ein Ende der Hygiene-Maßnahmen ist derzeit nicht abzusehen, der Herbst-Lockdown 2021 wird bereits im Sommer schon medial in eine mögliche Aussicht gestellt. Je länger die Menschen im Social Distancing bzw. Lockdown-ähnlichen Zuständen verweilen, umso gewohnter werden digitale Verhaltensweisen und umso mehr wird das mobile Verhalten verlernt. Was der Mensch über Monate nicht tut oder tun kann, wird durch etwas anderes ersetzt. Irgendwann lässt auch die Sehnsucht nach dem Alten nach, weil schlicht und ergreifend das Neue zur Normalität geworden ist.

AHA-Regeln sorgen für Kostenexplosion und drastische Besucherreduktion. Jede Veranstaltung, die im Innenraum überhaupt stattfinden kann, muss sich zwingend an die derzeit gültigen AHA-Regeln halten. Diese Regeln können sich von heute auf morgen ändern – je nach Inzidenz und Infektionsgeschehen. Die AHA-Regeln bedeuten, dass pro Person eine gewisse Anzahl an Quadratmetern berechnet wird – die einerseits beim Standbau berücksichtig werden müssen, andererseits aber auch Rückschlüsse auf die mögliche erlaubte Besucherzahl ermöglichen. Beispiel: In Bayern werden laut AHA-Regeln derzeit 10qm pro Person veranschlagt. Bei einer Veranstaltungsfläche von 3.000qm dürften sich demnach vermutlich nur 300 Personen gleichzeitig in einer riesigen Messehalle aufhalten – Standpersonal mit eingerechnet. Zusätzlich müssten die 10qm pro Person im Standbau eingerechnet werden. Das würde bedeuten, dass 6, 8 oder 9qm-Stände vielleicht noch gebucht werden könnten, sich auf diesem Stand aber im Laufe des Messetages keine weitere Person aufhalten darf. Gespräche wäre so nur möglich, wenn die eine Standperson sich hinter einer Plexiglasscheibe aufhält, da der zwingend erforderliche Abstand von 1,50m, der auf allen Messen bundesweit ebenfalls Pflicht ist und durch Sicherheitspersonal streng kontrolliert wird, parallel natürlich eingehalten werden muss. Auch Gesichtsmasken sind Pflicht, ebenso wie breite Gänge von 3-5 Metern. In Hessen liegt die Berechnungsgrundlage pro Person übrigens derzeit bei 3qm, in NRW sind es 7qm pro Person.

Der Zugang zu (Groß-)Veranstaltungen wird mit großer Wahrscheinlichkeit reglementiert. Anzunehmen und wahrscheinlich sind derzeit die Vorlage eines negativen PCR-Tests und/oder eine Impfung. Das zumindest ist der politische Tenor und ähnliches verlautet auch aus Verbänden der Reise- und Tourismusindustrie – ebenso wie aus den Verbandsebenen der Messe- und Veranstaltungsbranche. Vermutlich wird es sogar zeitnah auf 1G- oder 2G-Regelungen hinauslaufen, so dass gesunde Menschen ohne den Nachweis erbringen zu können, gesund zu sein, auf keine Veranstaltung mehr gehen dürfen.

Inflation & zusätzlich brechen Dienstleister weg. Die Pleitewelle in der Messebranche begann schon im Sommer 2020. Bis 2022 dürften Messebauer, Messetechniker, Caterer und sonstige Event-Dienstleister zu einem Veranstaltungsengpass werden. Viele Fachleute, insbesondere aus dem Bereich der Event-Tchnik, haben sich in den letzten Monaten bereits anderweitig Jobs gesucht und stehen für die Branche nicht mehr zur Verfügung. Die Messebauer, die momentan noch im Geschäft sind, haben in vielen Fällen ihr Mobiliar in Impfzentren verbaut, die mit Sicherheit auch in den kommenden Monaten noch betrieben werden. Angebot und Nachfrage werden die Märkte hier massiv regulieren. In der Folge werden die Preise explodieren – übrigens auch, weil Baumaterial derzeit aufgrund von globalen Lieferengpässen zur Mangelware geworden ist. Die Inflation bei Baumaterial ist derzeit um fast 40% angestiegen.

Die Vorsicht und Risiko-Sensibilität der Menschen sind gestiegen. Nach vielen Monaten Pandemie-Angst und Social Distancing verspüren viele Menschen schlicht und ergreifend kein Bedürfnis mehr, auf (Groß-)Veranstaltungen zu gehen. Messebesuche werden für viele Menschen verzichtbar – vor allem, wenn es digitale Alternativen gibt. Selbstverständlich wird es zukünftig weiter Veranstaltungen geben, doch wir denken, dass es – zumindest in den kommenden 2-3 Jahren – auf eher kleinere, intimere, einfach zu kontrollierende Veranstaltungen hinauslaufen wird, bei denen das wirtschaftliche und gesundheitliche Risiko für alle Beteiligten besser zu händeln sein wird.

Der unternehmerische Verbots- und Gebotsrahmen ist enger geworden – und der lautet: Kein Besuch von Präsenzveranstaltungen, bis sich „die Lage“ beruhigt hat. Doch wann wird das sein? Niemand weiß es. Daher besteht weder für Veranstalter, noch für potenzielle Aussteller Planungssicherheit.

Haftungsfragen sind ungeklärt. Seit fast einem Jahr ist die rechtliche und haftungsrechtliche Lage für Messe- und Eventveranstalter undurchsichtig und extrem volatil. Wer haftet für potenzielle Ansteckungsrisiken – selbst wenn alle AHA-Regeln eingehalten werden? Diese Haftungsfragen sind über derzeitige Veranstalterhaftpflichtversicherungen kaum bis gar nicht abgedeckt und stellen ein Risiko für Veranstalter – aber auch für Aussteller und Messebesuchende dar.

Nach über 20 Jahren Event- und Messebusiness und über 120 veranstalteten Messen und Kongressen kommen wir daher zu der sachlichen Erkenntnis, dass die Pandemie eine – im Schumpeter’schen Sinne – schöpferische Zerstörung in der gesamten Branche initiiert hat, die innovatives Handeln von allen Beteiligten erfordert. Mit GENIAL! DIGITAL. stellen wir uns dieser Herausforderung mit Neugier, Kreativität und Innovationskraft – so, wie es unsere Kunden seit mehr als 20 Jahren von uns kennen.

Das heißt nicht, dass wir nie wieder Live-Veranstaltungen machen. Der Weg zurück ist leicht. Doch wir denken, dass der leichte Weg derzeit nicht der Weg ist, der uns und unsere Kunden ins Wachstum bringt. Die Digitalität ist da. Und sie bleibt.